Flüchtlingsfamilie muss umziehen
Vom Reihenhaus ins Flüchtlingsheim

Münster -

Vor fünf Jahren kam die kurdische Familie Murad aus Syrien nach Münster. Seitdem lebt sie in einem kleinen Reihenhaus am Hohen Heckenweg. Doch nun muss sie umziehen – auf Veranlassung der Stadt. Ab Mitte Juli werden die sieben Personen in einer Flüchtlingsunterkunft mit Gemeinschaftseinrichtungen an der Schaumburgstraße wohnen. CDU-Ratsherr Halberstadt kritisiert das scharf.

Mittwoch, 04.07.2018, 08:00 Uhr

Derzeit bewohnt Familie Murad ein Reihenhaus am Hohen Heckenweg. Mitte Juli muss sie in eine Flüchtlingsunterkunft an der Schaumburgstraße umziehen. Foto: Oliver Werner

Vor fünf Jahren flüchtete Familie Murad aus dem Kurdengebiet in Nordsyrien in Richtung Deutschland. Schon bald nach ihrer Ankunft bezog sie ein kleines Reihenhaus am Hohen Heckenweg, in dem zuvor britische Soldaten untergebracht waren. Fünf Zimmer, hinter dem Haus ein kleiner Garten.

„Die Familie hat sich hier gut eingelebt“, berichtet CDU-Ratsherr Richard Halberstadt. Sohn Ahmed spricht nahezu akzentfrei Deutsch und hat in dieser Woche die Hauptschule abgeschlossen, seine 15-Jährige Schwester besucht die Hauptschule Coerde, die neun und zehn Jahre alten Schwestern gehen auf die Thomas-Morus-Grundschule. Der Vater absolviert gerade einen Deutschkursus, die Mutter kümmert sich um den jüngsten Spross, die zweijährige Tochter.

Sieben Menschen in zwei Zimmern

Nun allerdings stehen Veränderungen an. Familie Murad soll umziehen – vom geräumigen Reihenhaus am Hohen Heckenweg in zwei Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft an der Schaumburgstraße unweit des Hauptbahnhofs. Küche und Sanitäreinrichtungen müssen die sieben Personen künftig mit 43 weiteren Flüchtlingen teilen. So will es die Stadt.

„Sieben Menschen in zwei Zimmern – ich weiß nicht, wie das gehen soll“, sagt Elena Troeger, eine Münsteranerin, die sich für Familie Murad engagiert. „Die Familie ist am Hohen Heckenweg gut integriert. In der Schaumburgstraße werden die Kinder einen Schock fürs Leben gekommen. So gelingt doch keine Integration“, befürchtet sie. Auch Halberstadt bewertet den Umzug als „Rückschritt“. Ahmed Murad, der nun gerne eine Ausbildung zum Automechatroniker beginnen würde, sagt: „Wir alle in zwei Zimmern, das geht nicht.“

Zwangsräumung droht

Hintergrund des Umzugs ist die Einrichtung einer Unterkunft für Obdachlose ein paar Häuser weiter am Hohen Heckenweg. „50 Personen werden dort einziehen. Wir haben uns daher entschieden, die Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft freizuziehen. Die Nachbarschaft ist sehr sensibel“, sagt Heinz Lembeck, stellvertretender Leiter des Sozialamtes.

Und so müssen nun nicht nur die Murads, sondern noch weitere Flüchtlingsfamilien umziehen. Laut Lembeck seien die Betroffenen bereits 2017 vorab informiert worden, im April 2018 sei eine mündliche Information erfolgt. Bis zum 17. Juli muss Familie Murad das Reihenhaus am Hohen Heckenweg räumen, anderenfalls droht die Zwangsräumung, Kosten: 500 Euro, heißt es in einem Schreiben der Verwaltung.

Die ab Mitte Juli freigezogenen Häuser gehören dem Bund. Sie werden dann erst einmal von Hauswächtern bewohnt, sagt Lembeck. Wie lange – und was später mit den Immobilien geschieht – sei derzeit noch unklar.

Verschlechterung der Wohnverhältnisse

Lembeck betont, dass in den vergangenen zwei Jahren 1800 Flüchtlinge in andere Einrichtungen umziehen mussten. Für den Wechsel von Familie Murad an die Schaumburgstraße sei ausschlaggebend gewesen, dass die beiden neun und zehn Jahre alten Töchter weiter die Thomas-Morus-Grundschule besuchen können. Eine alternative Unterbringung sei nicht möglich gewesen.

Lembeck räumt ein, dass der Umzug „natürlich“ eine Verschlechterung bedeute. Doch nach seiner Erfahrung fördere gerade ein solcher Schritt die Integration: „Die Flüchtlinge bemühen sich dann intensiver, eine eigene Wohnung zu finden.“ Bei diesem „Auszugsmanagement“ würden sie von Mitarbeitern des Sozialamtes begleitet. Die Miete für das Reihenhaus wie auch für die Zimmer an der Schaumburgstraße übernimmt die Stadt, da derzeit niemand aus der Familie berufstätig ist, so Lembeck.  

Kommentar: Menschlich fragwürdig

In wenigen Tagen werden 50 Obdachlose, von denen ein Großteil bislang an der Brennpunkt-Unterkunft Trauttmansdorffstraße gewohnt hat, an den Hohen Heckenweg ziehen. Die benachbarten Flüchtlingsunterkünfte werden dafür freigezogen – nicht, weil sie für die Obdachlosen benötigt werden. Sondern weil die Stadt den Nachbarn nicht zu viel zumuten will.

Für die Flüchtlingsfamilie Murad ist das eine schlechte Nachricht. Sie muss das Feld räumen, wird – mit sieben Personen – in eine Gemeinschaftsunterkunft am Hauptbahnhof umquartiert. Rechtlich mag dieser Schritt in Ordnung sein – menschlich ist er nicht nachvollziehbar.

Dass die Verwaltung eine „sensible Nachbarschaft“ vorschiebt, verwundert. Wäre es wirklich so schlimm gewesen, wenn Flüchtlinge wie Familie Murad, die seit Jahren am Hohen Heckenweg wohnen und gut integriert sein sollen, erst einmal weiter dort wohnen bleiben? Geradezu zynisch wirkt die Begründung, dass ein Umzug in eine schlechtere Unterkunft die Bemühungen der Betroffenen beschleunigt, ein neues Quartier zu suchen. Martin Kalitschke

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