Landwirtschaft gegen Flächenfraß
Alarmsignale vom Acker

Münster -

Das wachsende Münster braucht Platz für neue Wohnungen. Die Landwirte fürchten um ihre Existenz, wenn immer mehr Ackerflächen verschwinden. Ein Konflikt in der Stadt.

Donnerstag, 08.02.2018, 08:02 Uhr

Der Flächenverbrauch umtreibt Münsters Landwirte: Jochen Wernsmann (M.) kann einen früher gepachteten Acker direkt an seinem Hof in Gievenbeck künftig nicht mehr nutzen, weil er als Ausgleichsfläche dient. Mehr Rücksicht auf die Interessen der Bauern fordert in diesem Zusammenhang der Landwirtschaftliche Kreisverband mit seiner Vorsitzenden Susanne Schulze Bockeloh und Ulrich Oskamp. Die Schilder stammen übrigens von einer älteren Kampagne des Verbandes.
Der Flächenverbrauch umtreibt Münsters Landwirte: Jochen Wernsmann (M.) kann einen früher gepachteten Acker direkt an seinem Hof in Gievenbeck künftig nicht mehr nutzen, weil er als Ausgleichsfläche dient. Mehr Rücksicht auf die Interessen der Bauern fordert in diesem Zusammenhang der Landwirtschaftliche Kreisverband mit seiner Vorsitzenden Susanne Schulze Bockeloh und Ulrich Oskamp. Die Schilder stammen übrigens von einer älteren Kampagne des Verbandes. Foto: Oliver Werner

Jochen Wernsmann blickt über die Maisstoppeln. „Zwölf Hektar“, sagt der 40-jährige Landwirt aus Gievenbeck und deutet mit einer Kopfbewegung über das abgeerntete Feld, das unmittelbar an seinen Hof grenzt. Vermutlich zum letzten Mal hat er hier vor Monaten Mais geerntet. Das Gelände sei als ökologische Ausgleichsfläche infolge des Autobahnausbaus eingeplant, berichtet der zweifache Familienvater.

Damit ist der Acker bei Haus Spital für die Landwirtschaft wohl unwiederbringlich verloren. Dabei könnte Wernsmann von seinem Hof direkt mit dem Trecker aufs Feld fahren. Das ist bald Geschichte – und kein Einzelfall, wie Münsters Bauern beklagen.

Der Flächenfraß setzt einen ganzen Berufsstand in der wachsenden Stadt unter Druck. Zuletzt gingen jährlich etwa 100 Hektar Acker dauerhaft verloren, beklagen die Landwirte in Münster. Das entspreche der Größe von zwei durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betrieben oder von rund 140 Fußballfeldern.

Wo Wald steht, wächst kein Getreide mehr

Neue Wohnquartiere, Gewerbegebiete und jetzt noch eine Justizvollzugsanstalt auf dem platten Land bei Wolbeck – all das kostet wertvollen Grund und Boden. „Es ist gut und wichtig, dass Münster wächst und neuer Wohnraum geschaffen wird“, erklärt Susanne Schulze Bockeloh, Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes.

Zugleich aber mahnt sie einen spar- und sorgsamen Umgang mit den Flächen an. Denn darauf sind 300 Vollerwerbslandwirte und genauso viele Nebenerwerbler in Münster zwingend angewiesen. Es mag wie eine Binsenweisheit klingen: Aber ohne Land können Bauern ihren Beruf nicht mehr ausüben. „Ackerland ist eine wertvolle Ressource“, unterstreicht Ulrich Oskamp , politisch aktiver Nebenerwerbslandwirt aus Nienberge.

Erschwerend kommt in den vergangenen Jahren hinzu: Immer häufiger müssen landwirtschaftlich genutzte Flächen – in der Regel angepachtet – herhalten, wenn es um Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte geht. Wie im Fall von Jochen Wernsmann in Gievenbeck.

Bauern hoffen auf Ratsantrag

Werden etwa auf Ackerflächen Bäume gepflanzt, schauen die Landwirte in die Röhre. Denn wo Wald entsteht, wächst kein Getreide mehr. „Wir müssen beim Thema Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen andere Wege gehen“, macht sich Schulze Bockeloh deshalb für einen Kursschwenk stark.

Neu ist das Thema nicht, aber angesichts dieser Entwicklung in der größer werdenden Stadt Münster wächst die Sorge auf den Höfen mit. Vielerorts scheint die Zukunft ungewiss. Dabei gebe es doch Lösungsansätze, sagt Oskamp. Die bisherige Praxis bei Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen in Münster bezeichnet er dagegen als „konzeptlos“.

Das gilt aus Sicht des Kreisverbandes gleichermaßen für das Vorgehen von Bund, Land und Stadt, die als Ausgleichsfläche nehmen, was gerade in ihrem Eigentum stehe. Die Interessen der Landwirte fänden in diesem Zusammenhang kaum Berücksichtigung, bilanziert der Verband.

Kann die Politik helfen? Hoffnungen knüpfen die Bauern an einen Ratsantrag von CDU und Grünen aus dem vergangenen Jahr. Dieser fordert zu einem sparsamen Umgang mit Agrarflächen auf und sieht die Durchführung einer Fachtagung vor, bei der Experten zusammen mit Landwirten alternative Kompensationsmöglichkeiten für Eingriffe in die Natur erörtern sollen. Schließlich muss laut Bundesnaturschutzgesetzt jeder Eingriff in die Landschaft ausgeglichen werden. Doch über das Wie scheinen die Vorstellungen weit auseinanderzugehen.

Fluch und Segen einer wachsenden Stadt

Nur Bäume und Hecken pflanzen, Wiesen anlegen – Kreisverbands-Chefin Schulze Bockeloh wünscht sich mehr Flexibilität und Fantasie bei den Behörden. So könne man beispielsweise Münster als „Regiopole“ sehen und den Suchraum für Ausgleichsflächen über die Stadtgrenzen hinaus erweitern. „Aber wir wissen, dass wir nicht alles komplett exportieren können.“

Flächenverbrauch

Landwirtschaft nutzt knapp die Hälfte des Stadtgebiets

Die im Kreisverband Münster landwirtschaftlich genutzte Fläche umfasst nach Verbandsangaben insgesamt 13 873 Hektar, davon sind rund 10 945 Hektar Ackerland und damit fast 79 Prozent. Der Ackerbau dient hier in erster Linie dem Anbau von Futtermitteln, denn das Münsterland ist traditionell ein starker Standort für die Veredlung (hier vor allem Schweine und Rinderhaltung), heißt es vonseiten des Verbandes. Münster umfasst darüber hinaus 2115 Hektar Grünland. Die landwirtschaftliche Fläche entspricht den Angaben zufolge insgesamt knapp 46 Prozent der Gesamtfläche des Stadtgebietes (30 328 Hektar). 28 Forstbetriebe mit 4669 Hektar Wald umfassen darüber hinaus 16 Prozent der Gesamtfläche des Stadtgebietes. Täglich fallen nach Berechnungen der Landwirte rund 3200 Quadratmeter an Äckern, Wiesen und Weiden Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie dem Ausbau von Industrie- und Gewerbeflächen und dem ökologischen Ausgleich für Eingriffe zum Opfer – das sei fast die Hälfte eines Fußballfeldes pro Tag.

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Eine andere Lösung können „produktionsintegrierte Maßnahmen“ auf wechselnden Flächen sein, wie es heißt; beispielsweise Blühstreifen auf Zeit, wo es gerade gut passt. Außerdem schweben den Landwirten Dachbegrünungen und ökologische Aufwertung von neu gebauten Objekten vor genauso wie die Aufbereitung alter Industriebrachen oder Maßnahmen an Gewässerläufen. Auf diesem Weg könne der dramatische Landverbrauch gestoppt werden. „Schließlich geht es um Flächen, auf die wir gesellschaftspolitisch nicht verzichten können“, betont Ulrich Oskamp.

Auf seinem Hof am Rande Gievenbecks erfährt Jochen Wernsmann hautnah die Veränderungen in der Stadt Münster – nicht nur, wenn er auf die traurigen Maisstoppeln des wohl letztmals angepachteten Feldes vor seiner Haustür blickt. Der 40-Jährige glaubt gleichwohl an eine Zukunft als Landwirt, hat erst vor gut zwei Jahren einen neuen, supermodernen Stall für 140 Milchkühe hochgezogen. Eine Investition, die in den nächsten Jahren abbezahlt werden muss.

Derweil zeichnet sich für den Familienvater das nächste Ungemach am Horizont ab. Denn im Zuge einer möglichen Wohnbebauung entlang der Steinfurter Straße müsste der Bauer auf weitere Flächen verzichten, wie er erzählt. Wernsmann spürt an diesem frostigen Februar-Tag, sechs Kilometer vom Prinzipalmarkt entfernt, Fluch und Segen einer wachsenden Stadt.


Kommentar

Vieles hängt enger zusammen als gedacht

lächenmäßig ist Münster nach Köln die zweitgrößte kreisfreie Stadt in NRW. Genug Platz also müsste für alle Beteiligten da sein – auch für die Landwirte. Doch das Wachstum der Domstadt,  die steigende Bevölkerungszahl wecken Begehrlichkeiten. Zuerst einmal nach Wohnraum. Der lässt sich zwar durch Nachverdichtung in der City und den Bau in die Höhe schaffen  – aber eben nicht in ausreichender Zahl. Abgesehen von neuen Wohngebieten braucht eine prosperierende Stadt weitere Gewerbeflächen und moderne Infrastruktur. So werden Grund und Boden zum begehrten wie teuren Gut. In diesem Wettstreit der Interessen können die Landwirte, die es auch in der Großstadt in nennenswerter Zahl gibt, schnell ins Hintertreffen geraten. Das mag kaum glauben, wer aus der eng besiedelten Innenstadt über den Ring hinausfährt und alsbald den Blick über weitläufiges Ackerland schweifen lässt. Ist der Ruf der Bauern, sparsam mit der Fläche umzugehen, also Panikmache? Wohl nicht, denn das Land ist nicht vermehrbar. Da macht es Sinn, über neue Formen von ökologischen Ausgleichsmaßnahmen nachzudenken. Und es zeigt, wie wichtig Wohnungsbau auf versiegelten Kasernenflächen wäre. In der wachsenden Stadt hängt mehr miteinander zusammen, als vielleicht vermutet.

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