Dauerbaustelle Dortmund-Ems-Kanal
Hängepartie beim Ausbau des Kanals in Münster

Münster -

Zunächst hieß es, der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals in Münster werde in etwa fünf Jahre dauern. Inzwischen ist von 14 Jahren die Rede (2012 bis 2026), was in der Öffentlichkeit und bei den Verantwortlichen der Stadt für erheblichen Unmut sorgt. Bislang wurde erst eine von acht neuen Kanalbrücken fertiggestellt. Unsere Zeitung ist den Gründen für die Misere nachgegangen.

Samstag, 13.01.2018, 11:01 Uhr

Reinhold Sendker (l.) und der bisherige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: Zu oft habe der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals zurückstecken müssen, klagt Sendker.
Reinhold Sendker (l.) und der bisherige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: Zu oft habe der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals zurückstecken müssen, klagt Sendker. Foto: Agentur

2026 soll alles fertig sein. So lautet – im wahrsten Sinne des Wortes – die neue Wasserstandsmeldung, wenn es um den Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals geht. Bislang wurde nur die Kanalbrücke an der Schillerstraße fertiggestellt, sieben weitere Brücken auf der sogenannten Stadtstrecke stehen noch auf der Arbeitsliste.

Anfang der 1990er-Jahre wurde der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals beschlossen. Er wurde seinerzeit mit einer hohen Priorität versehen, und zwar als ein „Projekt der Deutschen Einheit“. Das Ziel war eine leistungsfähige Wasserstraße, die Berlin mit dem Duisburger Hafen und mit der Rhein-Schifffahrt verbindet. Münster gilt als das letzte Nadelöhr, das auf diesem Weg beseitigt werden soll.

„Projekt der Deutschen Einheit“ im Jahr 2026

Sollte im Jahr 2026 alles fertig sein, liegt die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 36 Jahre zurück. Das ist mehr als eine Generation. Welchen Sinn ergibt es, wenn der Staat ein wichtiges verkehrspolitisches Ziel formuliert – und sich für das Erreichen des Ziels mehrere Jahrzehnte Zeit lässt?

Die Kanalbrücke an der Schillerstraße wurde als bislang erste und einzige fertiggestellt.

Die Kanalbrücke an der Schillerstraße wurde als bislang erste und einzige fertiggestellt. Foto: Oliver Werner

Jahrelange Verzögerungen

Die Arbeiten zum Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals auf der sogenannten Stadtstrecke Münster wurden 2005 vorgestellt und begannen 2012. Die südliche Begrenzung ist die Umgehungsstraßenbrücke, die nördliche die Kanalschleuse.

2012 wurde auch ein Bauzeitenplan vorgelegt, der in wesentlichen Teilen nicht eingehalten wurde.

Hier ein Überblick:

► Eisenbahnbrücke auf der WLE-Trasse: Sie sollte im Sommer 2017 fertig sein. Die Bauarbeiten haben aber noch nicht begonnen.

► Laerer-Landweg-Brücke: Sie sollte Ende 2015 fertig sein. Die Bauarbeiten haben gerade erst begonnen.

► Pleistermühlenweg-Brücke: Die Bauarbeiten sollten im Sommer 2016 beginnen. Ein Baubeginn ist aber noch nicht in Sicht.

► Brücke Wolbecker Straße: Die Bauarbeiten sollten im Sommer 2017 beginnen. Der Baubeginn ist noch nicht in Sicht.

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Diese Frage treibt auch Reinhold Sendker um. Er ist CDU-Bundestagsabgeordneter und als Mitglied des Verkehrsausschusses bestens vertraut mit dem sogenannten Bundeswegeplan, der die Investitionen des Bundes steuert.

„Am Geld liegt es nicht“

Sendker beschönigt nichts, aber er schließt eine Erklärung gleich aus: „Am Geld liegt es nicht.“ Als Sendker 2009 in den Deutschen Bundestag einzog, gab der Bund 9,5 Milliarden Euro pro Jahr für die Verkehrsin­frastruktur aus, heute seien es 13,6 Milliarden Euro. Und mit den angepeilten 15 Milliarden Euro sei ein Volumen erreicht, „das den Bedarf deckt“.

Sendker benennt stattdessen zwei Probleme, die sich unmittelbar negativ auf die Fertigstellung des Dortmund-Ems-Kanals auswirken. Zum einen konzentriere sich die deutsche Wasser- und Schifffahrtsverwaltung weitgehend auf den Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals und bündele dort die verfügbaren Ressourcen. Im Hintergrund stehe dabei nicht zuletzt die Erreichbarkeit des Hamburger Hafens.

Wir alle haben da Fehler gemacht. Das Nicht-Handeln früherer Jahre wird jetzt zum Problem.

Reinhold Sendker

Zum anderen bemängelt Sendker aber generell die personelle Ausdünnung der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. „Es fehlen die Ingenieure.“ Selbstkritisch fügt er hinzu: „Wir alle haben da Fehler gemacht. Das Nicht-Handeln früherer Jahre wird jetzt zum Problem.“

Frei werdende Stellen nicht nachbesetzt

Auch beim Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine, das für Münster zuständig ist, seien über Jahre hinweg frei werdende Stellen nicht nachbesetzt werden. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels sei es jetzt um so schwerer, „neues Personal zu rekrutieren“.

Da die Personalengpässe kurzfristig nicht zu beseitigen sind, sieht der CDU-Bundestagsabgeordnete als Alternative nur eine verstärkte Lobby-Arbeit, um einen größeren Anteil der beschränkten Kapazitäten nach Münster zu lenken.

Reinhold Sendker (l.) und der bisherige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: Zu oft habe der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals zurückstecken müssen, klagt Sendker.

Reinhold Sendker (l.) und der bisherige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: Zu oft habe der Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals zurückstecken müssen, klagt Sendker. Foto: Agentur

„Wir sind jetzt dran“, schließt der Parlamentarier aus Ennigerloh eine härtere Gangart der Region nicht aus. Indirekt räumt er damit ein, dass zu oft in der Vergangenheit der Dortmund-Ems-Kanal zurückstecken musste, um andere Projekte forcieren zu können.

Eines steht für den Politiker unterdessen außer Frage: An der Notwendigkeit des Kanalausbaus habe sich nichts geändert. Der Schiffsverkehr müsse ausgebaut werden. „Dafür brauchen wir eine Verbreiterung und Vertiefung der Kanäle.“ Und überhaupt: Die deutsche Einheit muss vollendet werden, auch auf dem Wasser.

Kommentar: Beschlossen und vergessen?

Man stelle sich Folgendes vor: Die Stadt Münster beschließt, den Prinzipalmarkt neu zu pflastern – und legt dafür 1000 Euro an die Seite. Als die Verantwortlichen endlich merken, dass das nicht reicht, legen sie einen richtig dicken Batzen auf den Tisch, beauftragen mit der Bauausführung aber einen Ein-Mann-Betrieb.

So in etwa kann man sich vorstellen, was sich derzeit am Dortmund-Ems-Kanal in Münster abspielt. Das gleiche Bundesverkehrsministerium in Berlin, das ein ums andere Mal die verkehrspolitische Bedeutung des Kanalausbaus betont, lässt das Bauvorhaben am langen Arm verrecken. Mit dem Ergebnis, dass aus der 2005 versprochenen Bauzeit von „nur“ fünf Jahren inzwischen 14 Jahre geworden sind (2012 bis 2026).

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Angesichts wachsender Staus auf den Autobahnen und eines absehbaren, dramatischen Mangels an Lkw-Fahrern und Lokführern wäre es für den Staat geradezu fahrlässig, beim Gütertransport in Deutschland die Schifffahrt zu ignorieren.

Der Staat nährt aber konsequent den Zweifel an der Notwendigkeit der von ihm selbst initiierten Projekte, wenn er sich bei der Umsetzung kein Zeitlimit setzt und so den öffentlichen Eindruck einer Endlosschleife produziert.

Ganz abgesehen davon sind für alle Anwohner der Großbaustelle in Münsters Osten die Beeinträchtigungen durch Lärm und Dreck nur dann erträglich, wenn ein zeitliches Ende abzusehen ist.

Es geht hier um mehr als den berühmten langen Atem, den man bei Großprojekten haben muss. Es geht um die Verlässlichkeit staatlichen Handelns. Das ist ein sehr hohes Gut. Klaus Baumeister

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