Kriminalstatistik im Vergleich Mehr Zuwanderer sind tatverdächtig

Münster -

Eine neue Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums legt nahe, dass junge Zuwanderer signifikant mehr Straftaten begehen als schon länger in Deutschland lebende Ausländer oder Deutsche. Wir haben uns die entsprechende Kriminalstatistik für Münster angesehen.

Von Lukas Speckmann
Kriminalstatistik im Vergleich: Mehr Zuwanderer sind tatverdächtig
Kriminologe Christian Pfeiffer aus Niedersachsen. Foto: Ole Spata/dpa

Die Studie des Kriminologen und früheren niedersächsischen Justizministers Christian Pfeiffer macht derzeit bundesweit Furore: Um über zehn Prozent sei die Zahl der Gewaltdelikte in Niedersachsen von 2014 bis 2016 gestiegen – und für diesen Anstieg seien zu über 90 Prozent Flüchtlinge verantwortlich.

Die Polizei Münster zieht solche Schlüsse nicht, stellt aber die Daten ihrer Kriminalstatistik für den gleichen Zeitraum zu Verfügung. Fazit: Seit 2014 hat sich die Zahl der Straftaten in Münster nicht deutlich verändert – der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger ist allerdings spürbar größer geworden.

Nicht viel Veränderung

Um die 30. 000 Straftaten werden jährlich von der Polizei in Münster erfasst; 2014 waren es etwas mehr, 2016 etwas weniger. Tatverdächtig sind in beiden Jahren insgesamt etwa 9500 Personen, in drei von vier Fällen Männer.

Relevant ist für Pfeiffer vor allem die Gewaltkriminalität – worunter laut Polizeistatistik auch Tötungsdelikte und Vergewaltigung, zu mehr als 95 Prozent jedoch Raub und schwere Körperverletzung zu verstehen sind. 853 Fälle wurden 2016 in Münster gezählt. Das sind 21 Fälle mehr als zwei Jahre zuvor, aber nach Polizeiangaben immer noch leicht weniger als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.

Foto: Lisa Stetzkamp

Nicht viel Veränderung also. Umso auffälliger, dass die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen im fraglichen Zeitraum so deutlich gestiegen ist: Von unter 3000 auf über 3600. Warum? Polizeisprecher Roland Vorholt warnt vor dem „Trugschluss“, diesen statistischen Anstieg überwiegend auf Gewaltkriminalität zu beziehen. So werde gegen immerhin 255 Personen wegen „illegalen Aufenthalts“ ermittelt wird, also etwa wegen falscher Angaben bei der Einreise; eine Straftat nach dem Aufenthaltsgesetz zweifellos, aber kaum mit einem Gewaltverbrechen vergleichbar.

Kriminalstatistik 2017 nicht vor Februar

Nichtdeutsche Täter – und hier vor allem die auffälligste Gruppe junger Männer aus Nordafrika – seien vor allem in Rauschgifthandel, Taschen- oder Ladendiebstahl verwickelt, schätzt Vorholt Natürlich kämen auch Gewalttaten vor; sie ereigneten sich aber nicht selten im Milieu oder in engen Unterkünften, wenn etwa Angehörige rivalisierender Volksgruppen aneinander geraten: „Das taucht in der Statistik als Gewaltkriminalität auf.“ Den Eindruck der niedersächsischen Studie, dass vor allem Zuwanderer aus Nordafrika und vom Balkan mit schlechter Bleibeper­spektive auffällig werden, scheint Münsters Statistik auf Anhieb zu bestätigen. Allerdings differenziert die Kriminalstatistik bei jugendlichen Straftätern nicht nach Herkunftsland, wie Polizei-Sprecher Vorholt betont.

Die Kriminalstatistik der münsterischen Polizei für 2017 wird nicht vor Februar veröffentlicht. Roland Vorholt hat bei seinen Kollegen die Tendenz in Sachen Gewaltdelikten erfragt. Seine Einschätzung: „Es ist voraussichtlich kein Anstieg zu erwarten.“

Kommentar: „Kein heißes Pflaster“

Wenn das hochbrisante Thema „Flüchtlinge und Kriminalität“ diskutiert wird, geht es weniger um die nackten Zahlen als um die Deutungshoheit. Der Eindruck, dass Münster – besonders im Bereich um Bahnhof und Promenade – in den vergangenen Jahren unsicherer geworden ist, lässt sich nicht wegdiskutieren. Wer Zeuge kaum verborgenen Drogenhandels wird oder die regelmäßigen Berichte über Raub und Diebstahl liest, ist verständlicherweise tief verunsichert.

Dass junge Männer mit schlechter Perspektive oft über die Stränge schlagen, ist unbestreitbar, die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger ist offenkundig gestiegen. Dennoch: Münster ist kein heißes Pflaster. Die Zahl der Straftaten, auch der schweren, ist seit Jahren konstant und unter dem Durchschnitt einer westdeutschen 300 000-Einwohner-Stadt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Stadtgesellschaft die Herausforderungen der Gegenwart souverän annimmt und zu differenzieren versteht. Das ist gut so.

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