Interview mit Soul-Sänger Seven „Am Abgrund ist die Aussicht schön“

Münster -

Richtig bekannt wurde der Soul- und Funk-Sänger Seven in Deutschland erst durch die Vox-Sendung „Sing meinen Song“, bei der er im vergangenen Jahr mitwirkte und Lieder von Nena, Samy Deluxe und BAP interpretierte. 

Von Carsten Vogel
Seven kennen viele aus der Tauschkonzert-Sendung „Sing meinen Song“. Jetzt kommt mit der Soul- und Funk-Sänger mit seiner erfolgreichen Tour nach Münster..
Seven kennen viele aus der Tauschkonzert-Sendung „Sing meinen Song“. Jetzt kommt mit der Soul- und Funk-Sänger mit seiner erfolgreichen Tour nach Münster.. Foto: Peter Rieger Konzerte

Jetzt ist der 39-Jährige auf Tour und präsentiert sein Konzeptalbum „4Colors“ am Mittwochabend im Jovel. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit Seven gesprochen.

Ich höre mit meinem Sohn immer Musik im Auto. Er ist totaler Fan von Mah Nà Mah Ná“ aus der Sesamstraße . . .

Seven: . . . Mein Sohn liebt dieses Lied, vor allem die neue Version.

... und ich habe mich gefragt, wie Musiker ihre Kinder an die Musik heranführen.

Seven: Ganz natürlich. Wenn ein Architekt zur Arbeit geht, dann entwirft er Häuser oder architektiert herum (lacht). Dafür interessiert sich dann sein Nachwuchs. Deshalb ist die Sensibilisierung meiner Kinder für Musik wahrscheinlich auch höher als bei anderen. Mein Sohn stellt sich selbst CDs fürs Auto zusammen. Er ist ganz klar ein Rocker. AC/DC ist seine Abteilung. Lieblingsband ist gerade Queen. Die Richtung muss ich ihm natürlich lassen, sonst nervt man als Papa schnell. Aber ich „füttere” ihn auch mit anderer Musik.

Sie sind selbst Sohn musikalischer Eltern. Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Pop-Musik erinnern?

Seven: Das war Kim Wilde . Sprich: Eher also eine optische Berührung (lacht). Bei mir ging viel über das Fernsehen, über Serien wie „Knight Rider“, denn bei meinen Eltern – Vater Tenor, Mutter Pianistin – lief ausschließlich von morgens bis abends Klassik. Da gab es nichts mit Verstärkern (lacht). Das Schlüsselerlebnis war, als ich auf dem Plattenspieler meines sechs Jahre älteren Bruders – den ich nicht benutzen durfte, aber es trotzdem tat – das Album „Off The Wall“ von Michael Jackson gehört habe. Daran erinnere ich mich genau: Ich wollte nicht wissen, wer das ist, sondern vor allem, was das für eine Musik ist.

Gibt es einen Song, der Sie so berührt, tröstet, erdet oder oder sogar rettet?

Seven: Es gibt zwei Songs. Einmal „Sometimes It Snows In April“ von Prince. Wenn es mir unfassbar schlecht geht, dann ist das der Soundtrack dafür, dass es mir danach noch schlechter geht. Aber ich fühle mich mit meinen Gefühlen dann nicht mehr alleine. Und ein Lied, dass mich immer nach vorne bringt, ist „Belief“ von John Mayor. Trotz ihrer Melancholie ist das eine Nummer, die jemanden mit einem angezündeten Feuerzeug entlässt und nicht mit einer heruntergebrannten Kerze.

Apropos Prince. Ich dachte, dass Ihr Künstlername sich von dem gleichnamigen Song vom „Love Symbol“-Album ableitet. Aber was steckt wirklich dahinter?

Seven: Erst einmal ist es ganz banal meine Lieblingszahl. Ich weiß, damit ist noch nicht viel Fleisch am Knochen (lacht). Aber tatsächlich ist „7“ einer meiner favorite Songs von Prince. Zudem bin ich Zahlenfanatiker, dafür kann ich mir keine Namen merken. Und bei meiner ersten Veröffentlichung, einem Hiphop-Song, habe ich den Refrain eingesungen. Und dann wurde ich damals auf der Couch in einem Keller gefragt, was jetzt auf dem Cover stehen solle: „featuring“ wen oder was? Und mein erster Gedanke war eben „Seven“.

Können Sie mir den Moment beschreiben, als Sie erfahren haben, dass Prince gestorben ist?

Seven: Das war merkwürdig. Auf der einen Seite kennt man den Menschen ja nicht, aber glaubt auf der anderen Seite ihn sehr gut zu kennen. Ich zitiere mal meinen eigenen Song-Text: Er hat mich mutig gemacht. Prince hat sich sowohl auf der Kunst- als auch auf der Musik-Ebene perfekt inszeniert. Und er hat andere Künstler – mich eingeschlossen – bestärkt, ihr Ding durchzuziehen. Der schlimmste Moment für mich war, als ich realisiert habe, dass ich nie wieder ein Konzert von ihm werde besuchen können. Er ist im April gestorben und ich – als es anfing zu schneien – habe gedacht: Der Zauberer hat selbst seinen Tod noch inszeniert.

Würden Sie über einen Ihrer eigenen Songs sagen, der ist so perfekt, so etwas schreibe ich nie wieder?

Seven: Der erste Song von meinem neuen Album „Don‘t Help Me“ hat etwas ausgelöst, was ich bisher noch nicht erlebt habe. Die Akkorde und die Stimmung waren da, Melodie und Text schrieben sich während des Singens gleichzeitig wie von selbst. Und während der Aufnahme habe ich geweint wie ein Schlosshund. Diese Version habe ich nie wieder angerührt. Auf der Tour beginne ich mit dem Song. Und egal wo ich bin, in welcher Stimmung, und was ich tue – wenn ich mit dem Lied anfange, bin ich einfach da. Kein Song war je so intensiv – zu mir – wie dieser.

In dem Song „Die Menschen sind wir“ singen Sie: „Hass und Angst haben jetzt Pause“. Jetzt ist die Schweiz kein Land, das Flüchtlinge mit offenen Armen empfängt. Was können Sie als Musiker ausrichten?

Seven: Ich bin der Meinung, für einen Künstler ist das ist keine Frage des Könnens, sondern eine des Müssens. Wenn Politik und Sozialkritisches in die Darbietungen einfließen, ist das ein schmaler Grat. Ultra heikel. Aber wenn man eine Meinung hat und diese einen zur Musik inspiriert, dann muss man sie zu den Leuten transportieren. Deshalb behaupte ich: Wenn deine Meinung nicht in der Musik ist, dann ist diese Musik auch nichts wert. Mensch konsumiert Mensch. Sonst gäbe es längst schon Computer, die Lieder von alleine schreiben und wir würde nicht mehr zu Konzerten gehen.

Xavier Naidoo hat Sie zur Vox-Show „Sing meinen Song” eingeladen. Er hat sich durch populistische Äußerungen ins Abseits gestellt. Denken Sie heute anders über ihn?

Seven: Ich kann abstrahieren, weil ich ihn kennengelernt habe und weiß, wie er wirklich denkt. Es ist ihm wichtig seine Meinung zu äußern. Und man kann ihn - auch in seinen Texten - missverstehen, aber das muss man dann schon sehr wollen.

Würden Sie sagen, dass Ihr neues Album „4Colors” aus Mustern und bestimmtenn Gewohnheiten ausbricht?

Seven: Ja. Andere veröffentlichen bei iTunes EPs mit sechs Liedern, die dann als Album gewertet werden. Oder machen zwölf Songs, schnell eine Single. Fotoshooting und fertig. "4 Colors" ist dagegen antizyklisch. Aufwendig, orchestriert, ganz klar ein Konzeptalbum. Ich hatte vier unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen, habe dann aus der Not eine Tugend gemacht und alles auf einem Album untergebracht.

Sind Sie ein Risiko suchender Mensch?

Seven: (lacht) Auf jeden Fall. Am Abgrund ist die Aussicht schön. Ich sehe als Künstler keinen Grund darin, mich zu wiederholen. Wenn einem Künstler langweilig wird, dann wird er inhaltlich schlecht und sollte besser aufhören. Ich brauche Herausforderungen, muss dahin, wo es auch mal weh tut. Auch mal das tun, was ich gar nicht kann. Und das ist mit hohem Risiko verbunden. Ich habe nur einen Move in der Musik und der ist immer All-in.

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Was hat die Schweiz, was Deutschland fehlt?

Seven: In der Schweiz kommt die Bahn auf die Minute genau an. Nach drei Minuten schauen alle längst auf die Uhr. Nach fünf Minuten ist die Verspätung bereits in den Nachrichten (lacht). Das ist einerseits cool, auf der anderen Seite fehlt uns dabei auch die Lockerheit.

Live

Mittwoch, 8. November, 20 Uhr, Jovel, Albersloher Weg 54. Tickets gibt es hier .

Kommendes Jahr werden Sie 40. Was macht das mit Ihnen?

Seven: Bisher war mir das völlig egal, aber jetzt ist es das erste Mal, dass es anfängt, mich zu stören. 30 war mir egal, 35 habe ich gar nicht gefeiert. Ich bin ja gerade erst 39 geworden. Geben Sie mir das Jahr noch, ach, ich möchte nicht drüber reden (lacht).

Mittwoch ist Ihr Konzert im Jovel. Welche Warnung möchten Sie den Münsteranern mit auf den Weg geben?

Seven: Ich möchte sie warnen (lacht), dass wenn sie nicht auf eine richtige Live-Band stehen, nicht auf Soul, nicht auf Funk und nicht auf bunt, dann sollten sie besser zu Hause bleiben.

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