Rückkehr zu G9 An den Gymnasien wird es eng

Münster -

Die Schulanmeldungen für die fünften Klassen laufen erst im Februar, doch die Frage, auf welche Schule die jetzigen Viertklässler wechseln werden, wird in den betreffenden Schulen schon intensiv diskutiert. Diesmal herrscht nicht nur Unsicherheit bei den Eltern – auch die Gymnasien wissen nicht, mit welchem Bildungsfahrplan sie im kommenden Jahr antreten.

Von Karin Völker
Nur ein Beispiel für ein städtisches Gymnasium, an dem es nach der Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit eng werden könnte. Das Annette-Gymnasium in der Innenstadt hat, wie man sieht, keine Platzreserven für einen Ausbau.
Nur ein Beispiel für ein städtisches Gymnasium, an dem es nach der Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit eng werden könnte. Das Annette-Gymnasium in der Innenstadt hat, wie man sieht, keine Platzreserven für einen Ausbau. Foto: Luftbildkontor Fischer

Die Landesregierung will zum neunjährigen Gymnasium als Regelfall zurückkehren, Ausnahmen sollen aber möglich sein. Das betreffende Gesetz soll zwar erst zum Schuljahr 2019/20 in Kraft treten, es soll aber rückwirkend für die Fünftklässler des Jahrgangs 2018/19 gelten.

Ist das Gymnasium, auf das ich mein Kind anmelden will, ein G 9- oder ein G8-Gymnasium? Diese Eltern-Frage kann momentan nicht beantwortet werden. Auch die Gymnasien können keine Antwort darauf geben.

G9 soll zur Regel werden

Die Schulleitungen warten gespannt auf einen Termin Ende November. „Dann will das Land Näheres verkünden“, sagt Christian Schrand , Schulleiter des Hittorf-Gymnasiums und Sprecher der Gymnasialschulleiter in Münster. Die Informationslage bezeichnet Schrand als „diffus“ – und ist sich damit mit seinen Kollegen einig. G 9 soll künftig zwar die Regel sein, aber Schulen sollen nach den bisherigen Ankündigungen auch beantragen können, beim achtjährigen Modell zu bleiben. „Die Frage ist aber, ob G 9 nach dem früher geltenden Lehrplan wieder in Kraft tritt oder anders – und auch, wie potenziell ein G 8 Modell aussehen könnte, sagt Sabine Langenberg, stellvertretende Schulleiterin des Pascal-Gymnasiums.

„Das nächste Anmeldeverfahren brennt uns sehr unter den Nägeln“, seufzt Anette Kettelhoit, Schulleiterin des Annette-Gymnasiums, angesichts der unbefriedigenden Informationslage. Das innerstädtische Annette-Gymnasium hat seine Raumkapazität mit der Aufnahme von fünf Parallelklassen pro Jahrgang ausgereizt. „Wenn nun ein ganzer Jahrgang dazukommt, wird es sehr eng“, sagt Kettelhoit.

Probleme für Schulen ohne Platzreserven

Auch Klaus Ehling , Leiter des münsterischen Schulamts, sieht die Stadt bei der Rückkehr zu G 9 vor erheblichen Herausforderungen. „Zum jetzt laufenden Schuljahr haben alle städtischen Gymnasien zusammen 43 fünfte Klassen aufgenommen“, so Ehling. Platz ist für maximal 46,5. Bei neun Jahrgängen hätten die städtischen Gymnasien zusammen nur Platz für 38 Eingangsklassen, skizziert Ehling, „das reicht nicht“.

Scholl-Gymnasium: G 9-Oase in Münster

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Kinderhaus muss sich über einen Wechsel zu G 9 keine Gedanken machen. Es ist eines von landesweit 13 Gymnasien, das sich 2010 für den von der damals rot-grünen Regierung eingerichteten Modellversuch G 9 gemeldet hatte. Die Zufriedenheit mit dem Verfahren in Kinderhaus ist groß, die Schule hatte seinerzeit ein eigenes Lernkonzept für G 9 ent­wickelt.

Die übrigen zehn städtischen Gymnasien sind wie die drei bischöf­lichen auch G 8-Schulen. Eine neunjährige Schulzeit bis zum Abitur ist seit der Umstellung 2005 in Münster auch an der Friedensschule, seit Kurzem auch an den beiden städtischen Gesamtschulen möglich.

Offen ist bei der Rückkehr zu G 9 auch die Frage, wie viele zusätzliche Lehrerstellen dafür nötig sind. Die Initiative „G 9 jetzt“ geht von gar keinem Mehrbedarf aus, weil der im G 8-Modell verdichtete Unterricht lediglich entzerrt werde. Derzeit unterrichten 852 Lehrer an den städtischen Gymnasien. Würde ein zusätzliches Jahr angehängt, müssten grob gerechnet in Münster rund 100 zusätzliche Pädagogen die Kollegien ­verstärken.

Immerhin müsse die Stadt die zusätzlichen Räume nicht sofort schaffen, sondern erst, wenn die künftige Klasse fünf im Jahrgang 13 ankomme. Aber an Schulen ohne Platzreserven wird es problematisch, stellt Ehling klar.

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Für Kerstin Consilvio, Elternvertreterin und Regionalkoordinatorin für Münster der Volksinitiative „G 9 jetzt“, kann die Reform nicht schnell genug umgesetzt werden. Sie fordert, dass möglichst alle jetzigen Gymnasiasten wieder neun Jahre unterrichtet werden. Große Probleme sieht sie dabei nicht: „Es gibt doch G 9-Modellgymnasien, von deren Praxis können die anderen lernen.“ 

Kommentar: Mehr Information

Schulen in NRW sind reformerprobt – nun steht ihnen die nächste Umwälzung bevor. So positiv die G 9-Entscheidung, besonders für alle sein mag, die jahrelang gegen G8 Sturm gelaufen sind: Jetzt kommt es darauf an, die neu bemessene Schulzeit klug zu planen – und dabei die Schulen nicht überstürzt in organisatorisches Chaos zu stürzen, wie es nach der Einführung von G 8 herrschte. Zur Erinnerung: Es gab jahrelang keine passenden Lehrmaterialien, in den ersten Jahren wurden Stoff und Unterrichtsstunden bis zum Abitur einfach auf acht Jahre verteilt. Das gilt es nun zu vermeiden, damit G 9 auch die Entspannung bringt, die sich viele so sehr wünschen. Der erste Schritt wäre eine gute Informationspolitik – damit die Schulen endlich planen können und Eltern des nächsten Fünftklässlerjahrgangs wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie ihr Kind an einem Gymnasium anmelden.  

Karin Völker

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