Verkehrsspiegel auf Münsters Straßen „Eine trügerische Sicherheit“

Münster -

An fast allen neuralgischen Kreuzungen mit Unfallschwerpunkten in Münster hängen inzwischen Verkehrsspiegel, die das Risiko des „toten Winkels“ für Radler bei rechts abbiegenden Lastwagen minimieren sollen. Ein renommierter Unfallforscher hält nichts von diesen Spiegeln.

Von Helmut P. Etzkorn
Die Spiegel gegen den toten Winkel von Lastwagen- und Busfahrern sind an Kreuzungen nicht unumstritten.
Die Spiegel gegen den toten Winkel von Lastwagen- und Busfahrern sind an Kreuzungen nicht unumstritten. Foto: hpe

Sie sollen dem „toten Winkel“ den Schrecken nehmen: Seit 2015 hängen an vielen städtischen Verkehrsknotenpunkten überall dort, wo die Gefahr von Unfällen zwischen Radlern und abbiegenden Lastwagen groß ist, Verkehrsspiegel. Insgesamt 130, fast alle gesponsert von der Firma Brillux. Für Stadt und Polizei „ein deutlicher Gewinn an Sicherheit“. „Stimmt nicht, die sind sogar eher kontraproduktiv“, sagt jetzt der renommierte Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in Berlin.

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Stimmt nicht, die sind sogar eher kontraproduktiv.

Siegfried Brockmann

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„Die Lastwagenfahrer haben schon drei Spiegel rechts an Bord, müssen sich zeitgleich noch auf den Verkehr konzentrieren, und wenn sie dann wirklich abbiegen, haben sie diese Spiegel gar nicht mehr in ihrem Sichtfeld“, meint Brockmann. Und Radfahrer, die auf den Spiegel vertrauen, fühlen sich laut Brockmann in der „trügerischen Sicherheit“, auch vom Lastwagenfahrer wahrgenommen worden zu sein.

Assistenzsysteme für die Sicherheit

Für Brockmann, der Anfang der Woche sein Gutachten zur Unfallentwicklung in Münster vorstellte, liegt die Zukunft des sicheren Lkw-Abbiegens in Assistenzsystemen, die direkt im Fahrerhaus per Signalton vor einer kritischen Situation warnen. Diese recht teuren Systeme seien jedoch erst in der Erprobungsphase. Einen Ratschlag hat Brockmann für die Firma Brillux: „Besser wäre es, Geld in die Unfallforschung zu investieren. Ich kenne kein Gutachten, das solche Verkehrsspiegel zur Steigerung der Verkehrssicherheit empfiehlt.“

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Die Spiegel können einen wirksamen Beitrag zur Vermeidung des toten Winkels leisten.

Andreas Pott

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Der städtische Verkehrsplaner Andreas Pott, maßgeblich beteiligt am Spiegel-Projekt, kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Die Spiegel können einen wirksamen Beitrag zur Vermeidung des toten Winkels leisten. Eine Garantie, dass es zu keinem Unfall mehr kommt, kann es aber nicht geben.“

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Die ortsfesten Spiegel seien aus Sicht der städtischen Verkehrsbehörde ohnehin eher als Hilfestellung für Lastwagen- und Busfahrer anzusehen. Und sie signalisierten allen Beteiligten an der Kreuzung, besonders umsichtig zu fahren.

"Sicher bin ich nur dahinter"

Und so lange die EU die notwendigen Assistenzsysteme nicht zwingend bei Neuzulassungen vorschreibe, könne die Ordnungspartnerschaft nur durch Öffentlichkeitsarbeit ein Problem- und Gefahrenbewusstsein für den toten Winkel schaffen. Dazu gehören auch die Aufkleber „Sicher bin ich nur dahinter“, die inzwischen an vielen Lastwagen angebracht sind.

Evaluierung angestrebt

Pott: „Eine statistisch belastbare Aussage über die Wirksamkeit der Spiegel kann erst nach einer mittel- bis langfristigen Auswertung der polizeilichen Verkehrsunfallstatistik erfolgen. Es wird auch eine unabhängige Evaluierung beispielsweise durch eine Hochschule angestrebt.“

Bislang gibt es zudem hinter einigen Kreuzungen, an denen Lastwagen häufig einschwenken, rotweiß umrandete „Trixi“-Panoramaspiegel für eine bessere Sicht nach rechts.

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