Skulptur-Projekt „Still untitled“
Jeder kann Kunst werden

Münster -

Montagabend versammeln sich im Kellergewölbe des Krameramtshauses die lebenden Skulpturen. Erfahrungsberichte in Englisch, eingefärbt mit fran­zösischem, spanischem, chinesischem, westfälischem Akzent. Mittendrin in diesem „Feedbackgespräch“ sitzt Xavier le Roy, Schöpfer des Skulptur-Projekts „Still untitled“.

Samstag, 12.08.2017, 09:08 Uhr

Hier stellt die Münsteranerin Christine von Burkersroda „ihre“ Skulptur spontan vor Passanten dar. Die beiden Damen reagieren erstaun.
Hier stellt die Münsteranerin Christine von Burkersroda „ihre“ Skulptur spontan vor Passanten dar. Die beiden Damen reagieren erstaun. Foto: Karin Völker

Wer es sehen will, muss Glück haben. Denn ohne freiwillige Mitmacher findet das Projekt gar nicht statt. Die Idee: Menschen „spielen“ pantomimisch in der Öffentlichkeit für andere Menschen Skulptur, schaffen spontane Begegnungen mit Kunst, überall und wann immer ihnen danach ist.

Manchmal halten besorgte Passanten an

Mechthild Quander war es bisher meistens am Wochenende danach, Fremde zum Austausch über Kunst und Skulptur-Projekte anzuregen. Die Frau aus Albachten legt sich dann flach auf den Boden, formt mit den Armen über dem Oberkörper einen Kreis. So harrt sie eine Minute und länger aus, lässt der Verwunderung, manchmal auch Belustigung ihres Gegenübers Raum. Manchmal halten besorgte Passanten an, fragen, ob Hilfe vonnöten ist. Hilfe? Nein, es geht hier nur um Kunst.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Berührende Begegnungen

Mechthild Quander, im Alltagsleben kaufmännische Angestellte, liebt die Skulptur-Projekte, selbst Teil der Ausstellung zu werden, fand sie sehr verlockend und spannend. Die Körperhaltung und die lange empfundene Zeit, in der sie in diesem Sommer wildfremden den Menschen auf der Straße zu Füßen liegt, sind Anknüpfungspunkte für das anschließende Gespräch mit oft überraschenden Inhalten. Manche Leute erzählen plötzlich sehr persönliche Dinge, „es sind oft berührende Begegnungen“, sagt Quander.

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Viele positive Reaktionen

Christine von Burkersroda nickt. Auch sie gehört zum lebenden Ensemble des Skulptur-Projekts von Xavier Le Roy und der Chinesin Scarlet Yu . Wenn die Grafikdesignerin auf der Straße Passanten anspricht und sich als Skulptur in Szene setzt, dann erinnert sie an den berühmten „Denker“ von Auguste Rodin. Ihre Erfahrung: „Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt. Aber die Leute haben immer sehr positiv reagiert, die meisten bedanken sich am Ende und sind geradezu beglückt, dass ich die Skulptur-Projekte zu ihnen gebracht habe.“

Verkörperungen in Workshops entwickelt

Jeder, der ebenfalls Begegnungen im Namen der Kunst schaffen möchte, kann so Teil der Ausstellung werden. Workshops, die auf die „Auftritte“ vorbereiten und bei der Entwicklung einer persönlichen pantomischen „Skulptur“ helfen, finden regelmäßig mit den Künstlern statt. Etwa 100 Menschen, so schätzt der Franzose Alexandre Achour, der das Projekt mitentwickelt hat, haben an den Workshops teilgenommen, vielleicht zehn bis zwölf „treten“ regelmäßig im Stadtbild auf.

Florencia Vecino und Marcus Torino kommen aus Argentinien und wollen ein paar Tage in Münster die Ausstellung ansehen. Selbst mitzumachen ist noch besser, findet Marcus Torino, der in Buenos Aires als bildender Künstler und Fotograf arbeitet. Seine Freundin ist Tänzerin. „Am liebsten würden wir zu zweit eine Skulptur darstellen“, sagen sie.

Zum Thema

Die Workshops „Embody your sculpture“ finden jeden Dienstag um 11 und Donnerstag um 19 Uhr im Keller des Krameramtshauses, Alter Steinweg 6/7, statt, Anmeldung unter Mail­ team.leroy@skulptur-projekte.info. Weitere Infos:  www.skulptur-projekte.de

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