Skulptur-Projekte 2017
Verkehrs-Herausforderung: Fahrrad-Touristen in Münster

Münster -

Bewährungsprobe für den Leezen-Primus: Die Skulptur-Projekte locken viele Kunstliebhaber und Touristen nach Münster - zugleich erhöht sich während des Open-Air-Events die Anzahl der Radfahrer im Stadtgebiet deutlich. Wie macht sich dies im täglichen Verkehr bemerkbar? Autofahrer und einheimische Radler sehen sich öfters mit besonderen Herausforderungen konfrontiert - eine Situationsbeschreibung.

Donnerstag, 03.08.2017, 11:08 Uhr

Skulptur-Projekte 2017 : Verkehrs-Herausforderung: Fahrrad-Touristen in Münster
Zurzeit ein häufiges Bild im Stadtgebiet: Leihfahrräder an Skulptur Projekten. Foto: Mirko Ludwig

Für das Kunst-Spektakel wurde das Angebot an Leih-Fahrräder aufgestockt. So stehen während der Ausstellungsdauer in Münster über 900 Räder von mindestens 14 Anbietern zur Verfügung.

Die Skulptur-Projekte passen aus Radfahrer-Sicht wunderbar in Deutschlands inoffizielle Radfahr-Hauptstadt, da die 35 Ausstellungsobjekte im gesamten Stadtgebiet verteilt sind. Nur wenige Besucher sind so gut zu Fuß, dass sie alle Punkte ablaufen wollen. Entsprechend gefragt sind die Leezen.

Für die erfahrenen Radfahrer in Münster (und natürlich auch Autofahrer) bedeutet dies: Obacht! Denn nicht jeder hat sein Zweirad stets unter Kontrolle…

Radfahrer in Gefahr…

Rad-Touristen unterwegs rund um Münsters "Radfahrer-Schnellweg" - einige Beobachtungen:

Bange Momente auf der Promenade: Gleich mehrmals zuckt der Arm einer Frau nach links und direkt wieder zurück. Rad samt Fahrerin wackeln bedenklich - nur mit Mühe kann die Radlerin das Gleichgewicht halten. Das Abbiegen per Handzeichen bei gleichzeitigem Gegenverkehr ist für sie ein ungemein schwieriger Balanceakt. Es geht aber noch gut - gerade so.

Nur wenige Meter weiter wird es noch gefährlicher: Aus dem Gegenverkehr auf Münsters Radler-Autobahn nimmt ein Radfahrer Kurs auf die entgegengesetzte Fahrbahn, sein konzentrierter Blick ist dabei nur aufs Handy in seiner Hand gerichtet. Der Gegenverkehr kommt immer näher: Der Mann bemerkt seinen falschen Kurs, reißt den Lenker mit der anderen Hand soeben noch herum - nur äußerst knapp entgeht er einem Zusammenstoß.

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Hier alle Informationen, Texte und Fotostrecken zu den Skulptur-Projekten 2017

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Zu spät ist es hingegen für einen Pedalritter, der auf Höhe des alten Zoogeländes Richtung Promenade unterwegs ist. Während der Fahrt hält er den Skulpturen-Faltplan halb ausgebreitet mit einer Hand, die andere umklammert den Lenker. Dabei verliert er jedoch die Kontrolle über seine Leeze. Sein Vorderrad kracht gegen einen Bordstein, einen Sturz kann der Mann noch im letzten Moment verhindern. Glück gehabt…

Keine Auffälligkeiten

Rund sieben Wochen sind seit dem Start der Skulptur-Projekte vergangen. Zwar registriert die Polizei zurzeit eine Zunahme des Radverkehrs auf Münsters Straßen, aber dies sei im Sommer normal. Jedenfalls sorgen die kunstliebenden Radfahrer nicht für einen insgesamt signifikanten Anstieg der Pedalritter in der Stadt.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Etwas überraschend ist, dass nach Angabe der Polizei Münster die Anzahl der gemeldeten Fahrradunfälle in den letzten Wochen nicht auffallend angestiegen ist.

Fahrvermögen auf dem Prüfstand

Erste „Schnittstelle“ zwischen Touristen, den Skulputur-Objekten und Münsters Innenstadtverkehr sind die Fahrrad-Verleiher, die als Anbieter die Besucher mit Leezen ausstatten und danach auf die Reise schicken.  Eine Nachfrage bei „Skulptur Projekte by bike“ - ein zusätzlicher Anbieter nur für die Dauer des Kunst-Events - zeigt: Fahrrad-Verleih ist Vertrauenssache.

Neben dem LWL-Museum am Domplatz stehen 250 Räder abfahrbereit - ebenso viele wie an der bundesweit größten Radstation an Münsters Hauptbahnhof. Bevor sich die Touristen auf den Sattel schwingen und sich in den münsterischen Verkehr einfädeln können, werden die Kunden vom Anbieter „Skulptur Projekte by bike“ gebeten, in einer Stichstraße die angebotenen Räder - und ihr eigenes Fahrvermögen - zu testen. „Erst wenn wir den Eindruck haben, dass jemand sicher mit dem Rad unterwegs ist, geben wir die Räder ab“, erzählt Birgit Weßel .

Das Leih-Angebot wird gut angenommen, an Wochenenden sind öfter auch sämtliche Räder in der Stadt unterwegs, sagt die Inhaberin von „Skulptur Projekte by bike“. Durchschnittlich sind hiervon pro Tag 150 Zweiräder unterwegs. Beliebt ist das Fortbewegungsmittel insbesondere auch bei Familien mit Kindern.

Erfreut ist Birgit Weßel darüber, dass die Fahrer und Räder in der Regel wohlbehalten zur Leih-Station zurückkommen. Unfälle sind die große Ausnahme. Ein Vorfall spielte sich jedoch ausgerechnet kurz vor der Einfahrt zu „Skulptur Projekte by bike“ ab: Eine Fahrrad-Touristin stieß mit einem Bus zusammen. Der Unfall ging relativ glimpflich aus, da sich die Frau hierbei "nur" eine Rippe brach.

Plädoyer für gegenseitige Rücksichtnahme

An der Leih-Station geht es sehr international zu, beobachtet Birgit Weßel nahezu täglich. Mittlerweile hat sie auch einige „typische“ Leih-Muster feststellen können: „Erwachsene aus dem asiatischen Raum neigen öfter dazu, sehr kleine Räder auszuleihen - zum Teil sogar Kinderräder“. Das sei aber gut so, damit diese Radler ein Fahrgefühl verspüren, das ihnen ein erforderliches Sicherheitsgefühl gibt, damit sie möglichst unfallfrei durch die Stadt kommen.

Abstimmung

Aber nicht immer geht es gut: Mehrmals waren Münsteraner bei Birgit Weßel, die sich über das fehlerhafte Fahrverhalten von radelnden Touristen beschwert haben. Die Fahrrad-Verleiherin weiß, dass dies ein sensibles Thema in der Stadt ist. Gerade auch Gruppenfahrten sind ein heikles Unterfangen im Stadtverkehr.

„Wir versuchen, unsere Kunden auf die Verkehrssituation in Münster vorzubereiten und auf bestimmte Brennpunkte hinzuweisen. Außerdem warnen wie sie davor, nicht zu langsam zu fahren, damit sie nicht häufiger angeklingelt werden.“ Obwohl die Rad-Verleiherin den Unmut mancher erfahrener Radler verstehen kann, plädiert Weßel aber zugleich für Verständnis: “Wichtig ist, dass beide Seiten aufeinander Rücksicht nehmen.“

  

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