Interview mit Guido Maria Kretschmer „Ich bin vieles, aber tuntig ganz sicher nicht“

Münster/Berlin -

Sollten die Deutschen eines ihrer beliebtesten Fernsehgesichter wählen – Guido Maria Kretschmer befände sich garantiert auf einem der ersten Plätze. Was der gebürtige Münsterländer in die Hand nimmt, gelingt – ganz gleichgültig, ob es sich um Mode, Fernsehshows oder Bücher handelt. Annegret Schwegmann sprach mit Kretschmer über Hundenamen, Kritik, Heimat und die Gauck-Nachfolge. Übrigens: Das „Du“ sollte niemanden irritieren. Guido Maria Kretschmer ist ein Mensch, der sich nicht lange mit Förmlichkeiten aufhalten möchte.

Von Annegret Schwegmann
Interview mit Guido Maria Kretschmer : „Ich bin vieles, aber tuntig ganz sicher nicht“
Guido Maria Kretschmer: Der Spezialist für die große Abendrobe. Foto: dpa

Als ich gestern einigen Kolleginnen erzählte, dass ich heute Gelegenheit haben werde, mit dir zu sprechen, habe ich in augenblicklich aufblitzende Augen gesehen. Eine Kollegin hat mir etliche Hundefragen diktiert. Eine ist ihr besonders wichtig: Wie heißen deine Hunde?

Guido Maria Kretschmer : Alaiyha, das bedeutet „Die Erhabene“ – das ist sie auch. Aimee, „Die Geliebte“, und Alisha. Das bedeutet auch etwas, ich weiß gerade aber nicht was – auf jeden Fall etwas Gutes.

Insgesamt waren wir uns einig, dass wir dich sehr gern zu einem Redaktionsbesuch zu uns nach Münster einladen möchten . . .

Kretschmer: In meiner Heimat, in Münster, würde ich das sofort machen. Ich habe das schon mal mit der „Bild“-Zeitung gemacht. Aber in Münster – das fände ich noch schöner.

Wie oft bist du eigentlich noch hier in der Gegend?

Kretschmer: Oft und meistens heimlich. Ich krieche dann weg, bin bei meinen Eltern, in meinem Büro und dem Lager, die es ja immer noch in Münster gibt. Vor Kurzem war ich noch da, zum Abitreffen nach 30 Jahren. Abends sind wir an der Warendorfer Straße essen gegangen. Das war sehr schön. Nach einer Weile wurde es dann aber zu viel, weil alle möglichen Menschen auf mich zukamen, so dass fast ein Aufruhr entstand. Schade. Aber wir mussten am nächsten Tag ohnehin für mein neues Projekt drehen, das ich für VOX mache. Ein wirklich wunderschönes Format. Trotzdem: An dem Abend in Münster habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit gedacht: Guido, du musst dir Zeit nehmen, mal wieder länger in der Heimat zu sein.

In unserem letzten Gespräch, vor drei Jahren war das, hast du gesagt, du seiest jetzt angekommen. Doch danach ist wieder – wie immer in deiner Karriere – so unendlich viel geschehen.

Kretschmer: Das war tatsächlich auch vor drei Jahren schon so: Ich bin glücklich dort, wo ich angekommen bin. Es ist gut so, wie es ist. Ich empfinde heute nicht mehr den Druck, dass immer mehr und mehr kommen muss. Ich werde ruhiger und kontem­plativer, tatsächlich, ich werde immer gläubiger.

Du bist Designer, Entertainer, Autor und wahrscheinlich noch viel mehr. Wie trägst du dich denn in ein Hotelformular ein?

Kretschmer: Also, zunächst einmal gebe ich nie meine Originaladresse, sondern immer die der Firma an. Die Berufsangabe? Wahrscheinlich würde ich Designer schreiben, Entertainer ginge auch, aber Designer gefällt mir besser. Bislang musste ich aber noch kein Formular ausfüllen. Guido Maria Kretschmer – das reicht, weil mich die Leute sowieso kennen.

Deine Bücher sind schon kurz nach ihrem Erscheinen Bestseller geworden. Ich erinnere mich, auf der Bestseller-Liste des „Spiegel“ einen nicht gerade schmeichelhaften Eintrag gelesen zu haben, mit dem dein erstes Buch „Anziehungskraft: Stil kennt keine Größe“ verhöhnt wurde. Verletzt dich das?

Kretschmer: Das habe ich gar nicht gelesen. In einer Kritik stand allerdings, mein Buch sei tuntig. Ich habe beim Lesen so gelacht, weil ich vieles bin, aber tuntig ganz sicher nicht. Ich bin nicht wie eine Teflon-Pfanne, an mir prallt nicht alles ab. Wenn ich etwas lese, von dem ich denke, dass es schlüssig ist, dann akzeptiere ich die Kritik. Das habe ich gelernt in all den Jahren. Trotzdem ist es natürlich verletzend, wenn man beleidigt wird. Ich habe viele prominente Freunde, die heftige Erfahrungen mit beleidigenden Feindseligkeiten machen. Im Vergleich dazu komme ich sehr gut weg. Im Übrigen glaube ich, dass hinter diesen Anfeindungen nichts anderes als Neid steckt.

Würde der Bundespräsident direkt gewählt, so wäre ich mir ziemlich sicher, dass du hervorragende Chancen bei der Gauck-Nachfolge hättest.

Kretschmer: Ich erinnere mich, das auch gelesen zu haben, als Christian Wulff zurückgetreten ist. Ich habe sehr darüber gelacht und Frank (Frank Mutters, Kretschmers Mann, die Redaktion) abends gefragt, ob er das auch gelesen habe. Frank meinte nur, okay, das können wir machen, wenn wir die Hunde mitnehmen dürfen. Insgesamt spreche ich genug Sprachen und würde das Amt ganz anständig ausfüllen. Dem Garten würde es wahrscheinlich auch guttun. Aber egal: Den Job sollen andere machen.

Noch einmal zurück zu deiner Popularität: Meine kleine Schwester erzählte mir, dass sich eine Freundin über kein Geburtstagsgeschenk so sehr gefreut habe wie über dein Autogramm mit persönlicher Widmung, das ihr einer deiner Brüder geschenkt hat. Bittet dich deine Familie häufig um solche Gefälligkeiten?

Kretschmer: Und ob! Mein Vater schickt mir regelmäßig Listen mit Namen, für die er ein Autogramm haben möchte. Und meine Mutter meint, seitdem ich so bekannt sei, würde sie in allen Praxen wie eine Privatpatientin behandelt, weil sie da mit Karte bezahlt – und zwar mit meiner Autogrammkarte . . .

Zur Person

Wäre Guido Maria Kretschmer nicht ein Mensch, den es immer wieder nach neuen Ufern zieht, würde er heute wahrscheinlich als Mediziner arbeiten. 1965 geboren und in großer Familie in Warendorf-Einen aufgewachsen, brach er das Studium ab und zog nach Ibiza, um seinen Designertraum zu leben. Auf einem bekannten Hippiemarkt fiel sein Stand eines Tages Udo Lindenberg auf, der für seine Tournee Brokatjacken orderte.

Danach ging alles rasend schnell: Von Münster aus produzierte Kretschmer Corporate Fashion, Berufskleidung also, für Unternehmen wie die Deutsche Telekom, etliche Fluglinien und den Touristikkonzern TUI. Bald danach entwarf er Bühnen- und Filmgarderobe, arbeitete unter anderem mit Katharina Thalbach zusammen, die zur engen Freundin wurde. Später entdeckte er seine Leidenschaft für die Couture und macht sich seitdem vor allen Dingen als Designer großer Roben einen Namen.

Bundesweit bekannt gemacht hat ihn die VOX-Produktion „Shopping Queen“. Obwohl Kretschmer seitdem auch in etlichen anderen Fernsehformaten als Moderator oder Juror mitgemacht hat, ist kein Format so beliebt wie das, in dem immer wieder neue Frauen mit 500 Euro durch die Innenstädte ziehen und nach einem Komplett-Outfit suchen, dessen Thema der Designer vorgibt. Kretschmers Markenzeichen: Originelle Einlassungen, die oft spitz, aber nie verletzend sind.

Seinen Lebensmittelpunkt hat der 51-Jährige nach Berlin und Mallorca verlegt, in Münster unterhält er aber noch immer ein Büro und ein Lager. Mit seinem Mann Frank Mutters ist Kretschmer seit Jahrzehnten zusammen.

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