Zoo-Chef Jörg Adlers letzter Tag Schillerndes Leben an einem Traum-Arbeitsplatz

Münster -

Nach fast 25 tierischen Jahren im Allwetterzoo Münster hat Zoo-Chef Jörg Adler (69) zum Jahreswechsel seinen letzten Arbeitstag. Im Interview blickt er zurück auf eine schillernde Zeit.

Der Chef räumt auf: An den letzten Bürotagen sichtet Jörg Adler alte Unterlagen, vieles kommt in den Müll. Einige Andenken, Bilder und Urkunden will er als Erinnerung aufheben
Der Chef räumt auf: An den letzten Bürotagen sichtet Jörg Adler alte Unterlagen, vieles kommt in den Müll. Einige Andenken, Bilder und Urkunden will er als Erinnerung aufheben Foto: Helmut Etzkorn

Nach fast 25 tierischen Jahren im Allwetterzoo ist heute Feierabend: Zoo-Chef Jörg Adler (69) geht in den Ruhestand, bleibt aber dem Tierpark am Aasee verbunden. Als Vorsitzender der Westfälischen Gesellschaft für Artenschutz, als Tierpate für einen Orang- Utan und als Stammgast, der mit seiner Familie „einfach mal den Zoo genießen will“. Ein Buch über sein schillerndes Leben will er (noch) nicht schreiben, dennoch hat er im Interview mit Redakteur Helmut P. Etzkorn viel zu erzählen.

Können Sie sich noch an Ihre ersten Tage im Zoo Münster im April 1990 erinnern?

Adler: Ich kam als Zoologischer Assistent. Das war ich auch vorher im Zoo Leipzig. Und ich lernte schnell, wie effizientes Zoo-Management funktioniert. In Leipzig waren die Mitarbeiter zwar abends länger da und hatten nicht wie hier einen geordneten Feierabend. Aber auch nur, weil sie tagsüber nicht immer am Arbeitsplatz sein konnten, sondern irgendwo in der Stadt anstehen mussten, weil es gerade Schinken oder Farbe gab und die Familie versorgt werden musste. Deshalb waren in Leipzig viele Kollegen auch abends noch aktiv. Das ist hier zum Glück besser geregelt.

Woran mussten Sie sich erst noch gewöhnen?

Adler: Das Wegesystem im Allwetterzoo mit den vielen Parallelgängen ist nicht logisch und für Neulinge verwirrend. Die vielen Betonanlagen haben mich abgeschreckt. Aber als Stellvertreter war ich auch nur für den Tierbestand zuständig und durfte mich nicht in Gestaltungsfragen einmischen. Das war Chefsache.

Das änderte sich aber schlagartig, als 1994 Dr. Götz Rümpler von seinen Aufgaben als Zoo-Chef entbunden wurde, oder?

Adler: Absolut. Damals gab die Stadt gerade ein Kienbaum-Gutachten für einen effizienteren Zoo in Auftrag. Die externen Berater schlugen einen Personalabbau und mehr Show-Elemente vor. Ich machte ein Gegengutachten mit dem Namen „Allwetterzoo 2000 plus“ und setzte mich damit durch.

Was waren damals die Kernpunkte?

Adler: Naturnahe und artgerechte Tierhaltung, weniger Arten besser präsentieren, Parks für Elefanten, Affen und Meerestiere schaffen. Einen Pferdepark mit Museum realisieren, den Artenschutz forcieren. Fast alles ist erreicht worden. Auch, weil es damals für mein Konzept von der Stadt einmalig 15 Millionen D-Mark gab. Heute werden wir leider im Vergleich zu anderen Kommunen nicht mehr von der Stadt finanziell verwöhnt.

Alle Wünsche sind also nicht erfüllt worden?

Adler: Nein. Ich hätte gern noch das Menschenaffenhaus vergrößert. Dafür aber ist der Zoo zum europäischen Artenschutzzentrum geworden. Projekte in Indochina und Südamerika haben dazu beigetragen, dass seltene Tierarten nicht ausgestorben sind. Darauf bin ich stolz. Noch mehr, als auf die wieder erreichten guten Besucherzahlen.

Trotz der vielen Besucher werfen manche dem Zoo vor, im Vergleich zu anderen Tierparks zu wenig Events zu haben. Ist da ein Trend der Zeit verschlafen worden?

Adler: Ich glaube nicht. Die Tiere stehen im Mittelpunkt, und die vertragen keine Partymeile zwischen den Gehegen. Events wie „Nachts im Zoo“ mit dezenten Klängen, Artistik und Akrobatik passen zu uns. Das erfreut Gäste und stört nicht die Tiere. Wir wollen kein Disney World sein und dürfen das auch nicht anstreben. Da habe ich auch viel von meinen Mitarbeitern gelernt. Die Wertschätzung gegenüber dem tollen Personal war für mich immer wichtig und hat zum Gesamterfolg maßgeblich beigetragen.

Ihr Beruf hat Sie auch zu einem Weltreisenden gemacht.

Adler: Ich habe schon als Zoomitarbeiter in der damaligen DDR viel erlebt. Wir haben per Schiff Löwen und Flusspferde nach Saigon gebracht und dafür Elefanten aus Vietnam mitgenommen. Einmal ist uns auf dem Kahn ein Löwe ausgebüxt. Zum Glück konnten wir ihn wieder einfangen. Im Urwald sind wir von Wilderern bedroht worden. Nicht immer war es leicht, Stammesfürsten vom Sinn des Abschussverbotes für Affen zu überzeugen. Erlebt habe ich genug. Eigentlich müsste ich ein Buch veröffentlichen. Aber ich bin Erzähler, kein Schreiber. Deshalb (noch) kein Buch.

Was war der traurigste Moment im Leben des ZooChefs?

Adler: Natürlich vor zwei Jahren der Tod des Tierpflegers, der von einem Tiger angegriffen wurde. Das überschattet bis heute meine 49 Berufsjahre in Zoos. Ich frage mich immer wieder, ob wir das schreckliche Drama hätten verhindern können. Ich glaube noch immer, wir konnten es nicht.

Neben den Tieren waren die Medien Ihre Spielwiese. Wie haben Sie es geschafft, dort immer so präsent zu sein?

Adler: Man muss Geschichten über Tiere und Menschen sehen und erzählen können. Und wenn etwas schief geht wie bei den Nashorn-Geburten, muss man trotzdem authentisch bleiben und reden, statt zu schweigen. Anderen laufen Tiere weg, wir haben Schlagzeilen mit einem schwarzen Schwan gemacht, den wir in den Zoo geholt haben. Die Doku-Soap im WDR und Pinguin Sandy waren Volltreffer, die uns viele Besucher gebracht haben. Ich war immer verlässlich-fair zu den Medien und die fast immer auch zu mir. Das hat sich für beide Seiten ausgezahlt.

Sie haben sich nicht immer nur Freunde gemacht, es gab auch in Münster Proteste von Tierrechtlern. Wie haben Sie reagiert?

Adler: Auch Zoo-Gegner sind ernstzunehmende Menschen und nicht nur Spinner. Bei allen baulichen Einschränkungen ist der Zoo für mich immer noch der beste Ort, Tierwelt und Artenschutz Menschen hautnah an ihrem Wohnort zu vermitteln. Wir haben uns von Publikumslieblingen wie Eisbären, Delfinen, Schimpansen und Riesenschildkröten getrennt, weil wir die nicht artgerecht halten konnten. Für die dafür nötigen Erweiterungsmaßnahmen von Gehegen und Becken fehlte einfach das Geld. Deshalb war das Aufgeben von Tierarten nur konsequent und richtig.

Was würden Sie machen, wenn Sie noch zehn Jahre Chef bleiben könnten?

Adler: Vollenden, was auf einem guten Weg ist. Robbenhaven und Pferdemuseum sollten wieder zu einer wirtschaftlichen Einheit mit dem Zoo werden. So spart man viel Geld, kann eine gemeinsame Marketingstrategie realisieren und Synergieeffekte nutzen. Wir müssen noch viel enger mit unseren Nachbarn Naturkundemuseum und Mühlenhof agieren und uns als Einheit am Aasee präsentieren. Damit hätte Münster auch touristisch ein Alleinstellungsmerkmal in NRW.

Welche Tipps geben Sie ihrem Nachfolger Dr. Wilms?

Adler: Wilms ist ein erfahrener Zoologe, er wird seine Schwerpunkte setzen. Ich hinterlasse ihm einen geordneten Tierbestand und ein tolles Team.

Ihr persönliches Fazit?

Adler: Faszinierend, spannend, abwechslungsreich, wunderbar. Ein Traum-Arbeitsplatz. Wir haben gemeinsam einiges erlebt und bewegt, gemeinsam gefiebert und getrauert, aber auch viel gelacht. Ich bin dankbar für die schöne Zeit.

Und was macht nun der Rentner Jörg Adler?

Adler: Er hofft auf eine lebenslange Zoo-Dauerkarte für die Familie, bezieht bald eine Wohnung ganz in der Nähe des Zoos, engagiert sich weiter beim USC Münster und wird ab März wohl auch in der Koordination der kommunalen Flüchtlingshilfe aktiv. Und wenn ich dann noch Zeit habe, genieße ich die freien Momente, werde aber meinem Nachfolger nicht mit Ratschlägen auf den Wecker gehen.

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